Verschleppt – Verbannt – Unvergessen

Die niederösterreichischen Abgeordneten Ferdinand Riefler und Franz Gruber in Stalins Gulag

Der Neuauflage von „Verschleppt, Verbannt, Unvergessen“ beleuchtet ein nahezu vergessenes Kapitel der österreichischen Nachkriegsgeschichte. Das Buch, ursprünglich 1956 von Ferdinand Riefler veröffentlicht, dokumentiert dessen Verschleppung durch die sowjetische Besatzungsmacht im Jahr 1946. Der Historiker Christoph H. Benedikter hat Rieflers Text wissenschaftlich kontextualisiert und um die Biographien Rieflers und zweier Leidensgenossen erweitert.

Rieflers Text ist ein eindrucksvolles Zeugnis menschlichen Überlebenswillens unter unmenschlichen Bedingungen. Der ehemalige Landtagsabgeordnete beschreibt akribisch seine willkürliche Verhaftung im August 1946, seinen „Prozess“ vor einem sowjetischen Militärtribunal und sein Überleben im sowjetischen Lagersystem. Der Bericht, entstanden unmittelbar nach Rieflers Rückkehr im Jahr 1952, beeindruckt durch sprachliche Klarheit und emotionale Authentizität. Riefler gibt tiefe Einblicke in den Alltag in Gulag und Verbannung – geprägt von Kälte, Hunger, Gewalt und zugleich von Momenten des Mitgefühls und der Humanität.

Der zweite Teil des Buches bringt die ausführlichen Biographien von Riefler selbst sowie des SPÖ-Landtagsabgeordneten Franz Gruber und dessen Tochter Helene. Gruber war unabhängig von Riefler im Juli 1946 verhaftet worden, die Tochter einige Wochen später. Gruber überlebte den Gulag nicht; er verstarb in einem Lemberger Gefängnis an den Folgen einer Gallenblasenentzündung. Helene Gruber überstand die Zwangsarbeit in Kolyma, wurde 1952 entlassen, durfte Ostsibirien allerdings bis 1960 nicht verlassen. Die Biographien von Vater und Tochter liefern erstmals eine schlüssige Begründung, welche Motive die sowjetische Besatzungsmacht zu ihrem brutalen Vorgehen im Doppelfall Gruber veranlasst hatten.